Rückgrat seit der ersten Stunde

Die Eckernförder Zeitung nannte Doro-thea Petersen „die eigentliche ‚Mutter‘ der Baugenossenschaft“. Aus gutem Grund, denn über 40 Jahre lenkte sie als erste angestellte Geschäftsführerin „mit Liebe und Treue“ die Geschicke des GWU. Gleichwohl ist erstaunlich wenig über sie in den einschlägigen Archiven und Quellen zu finden. Vermutlich hat dies damit zu tun, dass selbst einer Frau in leitender Position in der früher stets männerdominierten Geschäftswelt – das GWU machte hier keine Ausnahme – generell weniger Beachtung geschenkt wurde. „Fräulein“ Petersen, wie alle in ihrem Umfeld sie nannten, trat am 27. Januar 1921 ins GWU ein.

„HEIMLICH DODDY“ GENANNT

Knapp zwei Jahre später wurde sie auch Mitglied der Genossenschaft. Sie überzeugte früh durch ihre Arbeit. Der Direktor des Verbandes Schleswig-Holsteinischer Bau-genossenschaften lobte sie in einem Bericht 1925: „Die gesamte Buchführung zeugt von der vollen Gewissenhaftigkeit, Genauigkeit und Sauberkeit der Buchhalterin.“ 25 Jahre später, als das GWU sein 30-jähriges Jubiläum feierte, ehrte Eckernfördes Bürgermeister Ewald Wendenburg, damals zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft, Dorothea Petersen öffentlich: „Sie haben in der Ausübung ihres Berufes stets vorbildlich gewirkt. Ihnen an diesem schönen Tag die Gefühle unserer Dankbarkeit auszusprechen, ist mir ein Herzensbedürfnis.“ Mitarbeiterin Rita Clasen erzählt später, im Kollegenkreis habe man Petersen „heimlich Doddy“ genannt und über ihre Vorliebe für Zigarillos geschmunzelt. Andern gegenüber sei sie „hart, aber gerecht“ gewesen. Architekt Wolfgang Bilz bestätigt, dass Petersen eine „resolute Frau“ gewesen sei: Als er nach seinem Eintritt ins GWU 1962 „einen wackeligen Stuhl bekam, meinte Fräulein Petersen nur, ich solle mich nicht beschweren, meine Vorgänger hätten nur Stehpulte gehabt.“ Kurz darauf, am 31. Mai 1962, trat Petersen in den Ruhestand. Werner Jessen folgte ihr als Geschäftsführer nach.

Aber so ganz konnte Fräulein Petersen, die 1954 in eine Genossenschaftswohnung in der Gorch-Fock-Straße 16 gezogen war, wohl nicht ohne „ihr“ GWU. 1965 wurde sie in die Vertreterversammlung für den Wahlbezirk „Mitte“ gewählt. Sechs Jahre setzte sie sich für die Belange der Mitglieder in ihrer Nachbarschaft ein. Ab 1968 saß sie zudem für vier Jahre als ständiges Mitglied im Berufungsausschuss. Als die rüstige Rentnerin am 25. Mai 1987 ihren 90. Geburtstag feierte, schien ihr der ehemalige Arbeitgeber noch immer sehr präsent zu sein, wie der Baugenossenschaftsbote nach einem Besuch bei ihr verriet: „Frau Petersen kann den Werdegang bzw. den Verlauf der Genossenschaft minutiös nachvollziehen.“ Bedauerlich ist, dass das Wissen dieser einzigartigen Zeitzeugin mit ihrem Tod 1990 wohl für immer verloren gegangen ist.