Historiker und Chronist Dr. Josef Schmid im Kurzinterview

Herr Dr. Schmid, Sie beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit der Unternehmensgeschichte von Genossenschaften aus der Finanz- und Immobilienbranche. Für unsere Jubiläums­chronik haben Sie die Geschichte des GWU aufbereitet: Haben Sie Besonderheiten festgestellt?

Absolut herausragend war und ist die intensive Zusammenarbeit mit der Stadt Eckernförde. Begonnen hat das in der Weimarer Republik und setzt sich heute fort, zum Beispiel bei der Schaffung von sozial gefördertem Wohnraum. Das Miteinander bewerte ich als sehr gut.

Dafür ist ein Umstand besonders bezeichnend.

Genau, es gab in Eckernförde nie eine städtische Baugenossen­schaft. Das GWU ersetzt seit seiner Gründung praktisch diese Rolle, obwohl es von Beginn an privatrechtlich organisiert war. Gleichzeitig haben beide Seiten erkannt, dass ein Zusammenwirken für die Entwicklung der Stadt von zentraler Bedeutung ist.

Wie äußerte sich diese Erkenntnis konkret?

Unter anderem in der personellen Verquickung von Führungs­persönlichkeiten in der Genossenschaft. Der Bürgermeister von Eckernförde gehört traditionell dem Aufsichtsrat an: Von 1969 bis heute hat der jeweilige Amtsinhaber dem ­Gremium auch vorgesessen, aktuell in Person von Bürgermeister Sibbel. Bis 2018 wirkten außerdem zahl­reiche aktive oder ehemalige Kommunalpolitiker ehrenamtlich im Vorstand mit.

Welche Vorteile ergeben sich daraus?

Durch die Verzahnung von Stadt und Genossenschaft kann das GWU frühzeitig Bedarfe erkennen und sich beim Neubau von Wohnungen auf diese einstellen bzw. sich neu orientieren. Beispiele dafür sind die Unterbringung von Beamten oder auch von Flüchtlingen, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg oder 2015.

Sie betrachten auch die Rolle zentraler unternehmerischer Ziele und Werte und deren Entwicklung über die Zeit. Was haben Sie beim GWU festgestellt?

Das GWU hat im Verlauf der 100 Jahre die eigenen Ziele nie aus den Augen verloren, vor allem hat es die sozialen Aspekte beim Wohnungsbau stets neu bedarfsgerecht und ökonomisch definiert. Das war notwendig, denn die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder verändert – sei es in der Nachkriegszeit, bei der Abschaffung der Gemeinnützigkeit oder während der Flüchtlingskrise 2015.

Auch Engagement und Solidarität sind zentrale Werte einer Genossenschaft.

Und das zeigt sich im Handeln und im gegenseitigen Umgang innerhalb der Genossenschaft. Dieser ist von großer ­Toleranz geprägt. Zudem war das GWU bei allen ­Reibungsverlusten ­­immer fähig, auch aus Fehlern zu lernen und diese zu korrigieren.

Was hat sich in den letzten Jahrzehnten besonders verändert?

Der Anspruch beim Thema Wohnen. Ging es nach dem Zweiten Weltkrieg allein darum, schnell neue Wohnungen zu bauen bzw. ein Dach über dem Kopf zu haben, sind für viele Mieter eine einfache Bauweise und der vorhandene Standard heute nicht mehr zeitgemäß. Die Sanierung dieser Gebäude ist oftmals teurer als Abriss und Neubau. Auch darauf reagiert das GWU. Seit Anfang 2012 schafft das Unternehmen sukzessive neuen Wohnraum. Immer im Blick ist dabei auch die Entwicklung und Errichtung von geförderten Wohnungen.

Digitalisierung, neue Unternehmenszentrale, hauptamtlicher Vorstand: Auch in den letzten Jahren hat sich beim GWU einiges getan.

Das ist richtig. Dabei gab es ab 2000 mehrere Jahre eine gewisse Stagnation. Die Genossenschaft stand vor neuen Herausforderungen und musste sich verändern, tat sich damit aber schwer. Erst seit 2010 geht das GWU die Herausforderungen entschlossen und innovativ an. Bei der Befragung der Zeitzeugen wurde deutlich, dass viele – auch im Aufsichtsrat – skeptisch gegenüber Veränderung waren, diese im Nachhinein aber positiv betrachten. Auch im Hinblick auf die Digitalisierung des GWU.

Herr Dr. Schmid, danke für das Gespräch.